BLUTSAUGER IM WALD: ALLES, WAS DU ÜBER DIE HIRSCHLAUSFLIEGE WISSEN MUSST
Die Hirschlausfliege (Lipoptena cervi) mag nicht jedem ein Begriff sein, doch wer einmal eine unliebsame Begegnung mit den Blutsaugern hatte, vergisst sie so schnell nicht. Besonders in den späten Sommermonaten und im Herbst tauchen sie in großen Schwärmen auf und sorgen mit ihren Bissen (bzw. Stichen) für Unmut vor allem bei Hunde- und Pferdehaltern.1 Doch welche Schutzmaßnahmen helfen gegen die lästigen Fliegen? Welche Gefahren gehen von der Hirschlausfliege aus? Und wie erkennt man, ob Hund oder Pferd befallen wurden? Antworten findest du hier.
VON BORSTEN BIS KLAUEN: DIE BESONDEREN MERKMALE DER HIRSCHLAUSFLIEGE
Mit ihrer geringen Größe von 3 bis 5 Millimetern bleibt die Hirschlausfliege oft unbemerkt. Ihr flacher, bräunlicher Körper ist dicht mit Borsten bedeckt. Besonders auffällig sind die kräftigen, gezähnten Klauen an ihren Beinen, mit denen sie sich mühelos in ihrem Opfer festkrallen kann. Optisch ähnelt die Hirschlausfliege auf den ersten Blick der häufigsten Zeckenart in Deutschland, dem Gemeinen Holzbock.2 Nicht selten wird die Hirschlausfliege daher fälschlicherweise als „fliegende Zecke“ bezeichnet.
IST DIE HIRSCHLAUSFLIEGE EINE ZECKE?
Trotz der äußerlichen Ähnlichkeit ist die Hirschlausfliege keine Zecke. Während Zecken zu den Spinnentieren gehören, zählt die Hirschlausfliege zur Klasse der Insekten. Dies lässt sich leicht an der Anzahl der Beine erkennen: Zecken haben acht, die Hirschlausfliege dagegen nur sechs Beine, die zudem breiter und dichter behaart sind.3 Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sind die Augen, die Hirschlausfliegen besitzen, im Gegensatz zum heimischen Holzbock, der keine hat. Nicht zuletzt stechen Zecken in der Regel nur einmal und saugen dann über einen längeren Zeitraum Blut, während Hirschlausfliegen mehrmals zustechen und dabei jeweils nur kleine Mengen Blut aufnehmen.
VERBREITUNG DER FLIEGENDEN BLUTSAUGER
Die Hirschlausfliege kommt in Mitteleuropa, Asien, Afrika und Nordamerika vor.4 Aber auch in nördlichen Regionen, wie beispielsweise Finnland, konnte sie sich in den letzten Jahrzehnten weiter ausbreiten.5 Aktiv ist die Hirschlausfliege vorwiegend im Spätsommer und Herbst und bevorzugt Waldränder als Aufenthaltsort. In Kontinentaleuropa sind Rehe ihre Hauptwirte, während in Nordeuropa vor allem Elche befallen werden. Die Kombination aus ihrer saisonalen Aktivität und der Vorliebe für Waldränder führt gerade bei Jägern, Reitern, Hundebesitzern und Waldspaziergängern zu unliebsamen Begegnungen mit den Mini-Vampiren.
EIN BESONDERER LEBENSZYKLUS: VOM WIRT ZUM SCHWARM
Verbreitung und saisonales Auftreten der Hirschlausfliege hängen stark mit ihrem speziellen Entwicklungszyklus zusammen. Nachdem die Fliege auf einem Wirt, wie einem Reh, Elch, oder auch Hund landet, kriecht sie tief ins Fell und wirft ihre Flügel ab. Da der Parasit so nicht weiterfliegen kann, erfolgt ein Wirtswechsel nur bei engem Körperkontakt. Bei Wildtieren passiert das vor allem beim gemeinsamen Ruhen oder dem Säugen der Jungtiere.4
Auf dem befallenen Wirt findet dann sowohl die Paarung als auch die Aufnahme mehrerer Blutmahlzeiten statt. Danach legt das Hirschlausfliegen-Weibchen Puppen ab, die zu Boden fallen. Im Spätsommer schlüpfen daraus ohne Zwischenstadien direkt ausgewachsene, geflügelte Fliegen. Da die Puppen oft gleichzeitig an einem Ort durch den Wirt abgeworfen werden und die Fliegen zur selben Zeit schlüpfen, bilden sich dort ganze Schwärme – ein Phänomen, das vor allem Waldspaziergänger nur zu gut kennen.4
GEFAHR FÜR MENSCH & TIER: WELCHE KRANKHEITEN ÜBERTRÄGT DIE HIRSCHLAUSFLIEGE?
So klein und unscheinbar die Hirschlausfliege auch aussehen mag, ihr Potential als Krankheitsüberträger ist nicht zu unterschätzen. Bei Untersuchungen europäischer Exemplare konnten bereits Erreger wie Anaplasmose, Borreliose und Bartonella nachgewiesen werden. Besonders Bartonella könnte laut Studien auf Wirte wie Menschen und Tiere übertragen werden. Wie häufig dies tatsächlich geschieht und ob auch andere Erreger von der Fliege auf Mensch oder Tier übergehen, ist jedoch noch unklar.6 Sicher ist, dass Hirschlausfliegen nicht nur Wildtiere wie Rehe und Elche, sondern auch Hunde, Pferde und Menschen befallen.3 Für Menschen und Tierhalter bedeutet das: wachsam sein - besonders in Gebieten mit hohem Vorkommen der Fliegen.
HÄTTEST DU DAS GEWUSST?
Hirschlausfliegen bevorzugen vor allem dunkle Farben, besonders Schwarz, und werden von großen, dunklen Objekten angezogen. Sie suchen gezielt die wärmsten Stellen eines Wirts auf, was darauf hinweist, dass sie Temperaturunterschiede wahrnehmen können. Über ihre Antennen erkennen sie vermutlich auch chemische Reize wie CO₂. Damit ist die Hirschlausfliege ein gut ausgestatteter Jäger, der Farben, Wärme und chemische Signale nutzt, um seine Opfer zu finden.6
HIRSCHLAUSFLIEGE UND MENSCH: WAS PASSIERT NACH DEM BISS? UND WIE SIEHT EIN BISS DER HIRSCHLAUSFLIEGE AUS?
Der Biss (fachlich korrekt: der Stich) der Hirschlausfliege bei Menschen bleibt meist unbemerkt.1 Erst im Nachhinein können allergische Reaktionen auf den Speichel der Fliege auftreten, die zu Schwellungen und juckenden, schmerzhaften Hautausschlägen führen. Diese Symptome können mehrere Wochen bis Monate bestehen bleiben. In seltenen Fällen kommt es zu Entzündungen, die eine ärztliche Behandlung erfordern.6 Für Haustiere, insbesondere Hunde, ist der Biss oft schmerzhafter, weshalb bei auffälligen Symptomen nach einem Befall ein Tierarzt aufgesucht werden sollte.
HIRSCHLAUSFLIEGE BEIM HUND
Hirschlausfliegen befallen bei Hunden bevorzugt Körperstellen wie den Bauch, die Innenseiten der Oberschenkel und den Afterbereich. Dort ist die Haut besonders dünn.1 Eine Untersuchung in Polen 2015 zeigte, dass bei etwa 36 % der untersuchten Hunde Lausfliegen gefunden wurden, wobei vor allem junge und langhaarige Hunde häufiger betroffen waren.7 Die für Hunde schmerzhaften Bisse können zu starkem Juckreiz und daraus resultierender Unruhe führen. In einigen Fällen reagieren Hunde panisch auf die Fliegen, vorwiegend, wenn sie durch einen Schwarm laufen. Bei sichtbaren Anzeichen eines Befalls, wie starkem Kratzen oder Unruhe, sollte ein Tierarzt aufgesucht werden. In der Tierarztpraxis kann nicht zuletzt ausgeschlossen werden, dass die Symptome durch andere blutsaugende Parasiten wie Flöhe oder durch Milben verursacht wurden.
HIRSCHLAUSFLIEGE BEIM PFERD
Pferde werden besonders am Schweifansatz und in der Mähne befallen. Ein schmerzhafter Juckreiz, der Unruhe und heftiges Schlagen mit dem Schweif auslöst. In manchen Fällen reagieren Pferde auch panisch, wenn sie von einem Schwarm umgeben sind.1 Bei starkem Befall und anhaltendem Stress durch den Juckreiz kann dies sogar zu einer Kolik führen. Auch beim Pferd gilt daher: bei sichtbaren Anzeichen eines Befalls sollte ein Tierarzt kontaktiert werden.
WAS HILFT GEGEN DIE HIRSCHLAUSFLIEGE?
Da die Bisse der Hirschlausfliege schmerzhaft sein können und potenziell Krankheitserreger übertragen, ist es ratsam, sich so gut wie möglich zu schützen. Mit diesen Maßnahmen lässt sich das Risiko deutlich verringern:
- Fliegendecken für Pferde: Beim Ausritt oder auf der Weide bieten sie effektiven Schutz vor den Angriffen der Fliegen
- Hotspots meiden: Hirschlausfliegen-Schwärme treten lokal begrenzt auf. Bekannte Hotspots sollten beim Ausritt umgangen werden
- Tierarztbesuch bei Hunden: Wenn Hunde sich ständig kratzen oder in die Haut beißen, könnte ein Befall vorliegen. Der Tierarzt kann feststellen, ob Hirschlausfliegen oder andere Parasiten wie Milben oder Flöhe die Ursache sind
- Helle Kleidung für Menschen: Da die Fliegen eher von dunklen Farben angezogen werden, kann helle Kleidung das Risiko eines Befalls verringern
- Klebeband zur Entfernung: Sobald eine Hirschlausfliege auf Mensch oder Tier landet, hilft ein breites Klebeband, um die Fliegen zu fixieren und einfach zu entfernen
- Flohkamm und kaltes Wasser: Hunde und Pferde können mit einem Flohkamm oder durch Abspülen mit kaltem Wasser von den Fliegen befreit werden
Sollte es dennoch zu Bissen kommen: Bissstellen sollten immer desinfiziert werden, um Entzündungen zu vermeiden. Bei anhaltenden Beschwerden ist ein Arzt- oder Tierarztbesuch ratsam.
Diese Maßnahmen bieten den besten Schutz vor den unangenehmen Folgen eines Hirschlausfliegenbefalls.
QUELLEN
- SWR 1: Hirschlausfliegen: „Fliegende Zecken“ breiten sich aus.
- Deplazes, P., Joachim, A. u. a.: Parasitologie für die Tiermedizin, 4. überarbeitete Auflage, Stuttgart, Thieme Verlag, 2021
- BR: Hirschlausfliege: Was unterscheidet sie von der Zecke?
- Madslien, K., Ytrehus, B., Viljugrein, H. et al. Factors affecting deer ked (Lipoptena cervi) prevalence and infestation intensity in moose (Alces alces) in Norway. Parasites Vectors 5, 251 (2012). https://parasitesandvectors.biomedcentral.com/articles/10.1186/1756-3305-5-251#citeas
- KAUNISTO S, HÄRKÖNEN L, NIEMELÄ P, ROININEN H, YLÖNEN H. Northward invasion of the parasitic deer ked (Lipoptena cervi), is there geographical variation in pupal size and development duration? Parasitology. 2011;138(3):354-363. doi:10.1017/S0031182010001332
- Michael J Skvarla, Karen Poh, Calvin Norman, Erika T Machtinger, Commercial products are not effective at repelling European deer keds, Lipoptena cervi (Diptera: Hippoboscidae) but may increase mortality after exposure, Journal of Medical Entomology, 2024;, tjae109, https://doi.org/10.1093/jme/tjae109
- Sokół R, Gałęcki R. Prevalence of keds on city dogs in central Poland. Med Vet Entomol. 2017 Mar;31(1):114-116. doi: 10.1111/mve.12209. Epub 2016 Nov 11. PMID: 27859424.